Im elften Jahr in Folge belegt Estland den ersten Platz im neu veröffentlichten International Tax Competitiveness Index (ITCI) 2024 und behauptet damit seine Position als wettbewerbsfähigstes Steuersystem. Estlands Spitzenposition ist vor allem auf sein einzigartiges Modell der Besteuerung ausgeschütteter Gewinne zurückzuführen.
40 Indikatoren: Zentrale Aspekte der ITCI-Bewertung
Der Tax Competitiveness Index bewertet jedes Jahr, inwieweit die Steuersysteme der Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Wirtschaftswachstum und Investitionen fördern und wie neutral sie gegenüber unterschiedlichen Arten geschäftlicher Aktivitäten sind.
Die OECD-Mitgliedstaaten werden anhand von mehr als 40 Indikatoren in fünf zentralen Kategorien verglichen:
- Unternehmenssteuern;
- Einkommensteuer natürlicher Personen;
- Verbrauchsteuern;
- Vermögensteuern;
- Grenzüberschreitende Steuervorschriften.
Der Index soll diejenigen Länder hervorheben, deren effiziente und transparente Steuersysteme ausreichende Einnahmen für öffentliche Aufgaben erzielen und zugleich möglichst wenige Hindernisse für wirtschaftliche Aktivitäten schaffen.
Wichtige Änderungen und Trends im Jahr 2024
Im Jahr 2024 führten viele OECD-Länder Änderungen an ihren Steuersystemen ein, was sich auf ihre Platzierung im International Tax Competitiveness Index (ITCI) auswirkte. Einige Länder verbesserten ihre Werte durch eine Senkung der Steuerbelastung und eine Vereinfachung der Vorschriften, während andere aufgrund höherer Steuersätze und komplexerer Steuermechanismen Plätze verloren.
- Österreich schloss die geplante Senkung seines Körperschaftsteuersatzes auf 23% ab und verbesserte sich vom 17. auf den 15. Platz.
- Kanada begann mit der schrittweisen Abschaffung der vollständigen Sofortabschreibung für Kapitalinvestitionen und führte eine Digital Services Tax (DST) ein. Zudem erhöhte das Land den Steuersatz auf Kapitalgewinne. Diese Änderungen führten dazu, dass Kanada vom 15. auf den 17. Platz zurückfiel.
- Die Tschechische Republik fiel vom 5. auf den 7. Platz zurück, nachdem sie die beschleunigte Abschreibung für bestimmte Gerätekategorien abgeschafft und ihren Körperschaftsteuersatz von 19% auf 21% erhöht hatte.
- Deutschland führte hingegen die beschleunigte Abschreibung für bestimmte Kapitalanlagen wieder ein und lockerte die Beschränkungen für Verlustvorträge, wodurch es sich vom 18. auf den 16. Platz verbesserte.
- Slowenien erhöhte seinen Körperschaftsteuersatz von 19% auf 22% und belegte damit den 22. Platz.
- Das Vereinigte Königreich führte eine vollständige Sofortabschreibung für bestimmte Kapitalanlagen ein und stieg vom 31. auf den 30. Platz.
- Die Vereinigten Staaten setzen die schrittweise Rücknahme der 100%igen Sonderabschreibung für Ausrüstung fort, die derzeit bei 60% liegt. Die Position der USA bei den grenzüberschreitenden Vorschriften verbesserte sich jedoch, da andere Länder neue Regeln zur globalen Mindestbesteuerung (Pillar Two) einführten. Insgesamt stiegen die USA vom 23. auf den 18. Platz.
Die Änderungen an den Steuersystemen der OECD-Länder zeigen, dass selbst geringfügige Anpassungen ihre Attraktivität für Unternehmen und Investoren erheblich beeinflussen können. Erfolgreiche Reformen wie in Deutschland und den Vereinigten Staaten verdeutlichen, dass Flexibilität und die Anpassung an globale Trends die Platzierung verbessern können. Gleichzeitig können Steuererhöhungen und die Abschaffung von Vergünstigungen – wie in der Tschechischen Republik und Slowenien – zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit führen.
Steuerfreie Reinvestitionen: Das Geheimnis des estnischen Erfolgs
Dem Bericht von 2024 zufolge behauptet Estland dank der Besonderheiten seines Steuersystems den ersten Platz. Dies gilt insbesondere für die Unternehmensbesteuerung, bei der reinvestierte Gewinne von der Ertragsteuer befreit sind. Der estnische Körperschaftsteuersatz beträgt zwar 22%, wird jedoch erst erhoben, wenn Gewinne tatsächlich als Dividenden ausgeschüttet werden. Reinvestierte Gewinne bleiben unversteuert.
Der estnische Einkommensteuersatz für natürliche Personen beträgt 22%. Aufgrund von Anpassungen des Steuerfreibetrags enthält das System jedoch ein progressives Element: Einwohner mit geringerem Einkommen sind effektiv von der Steuer befreit, während Besserverdienende ihren Steuerfreibetrag verlieren und mehr zahlen.
Estlands Steuersystem: Minimale Belastung für Unternehmen
Das estnische System erhebt keine Immobiliensteuer auf Gebäude oder bauliche Anlagen; besteuert wird ausschließlich der Grund und Boden, wodurch sich die Belastung für Immobilieneigentümer verringert. Zudem werden außerhalb Estlands erzielte Gewinne in Estland nicht besteuert, was die internationale Expansion von Unternehmen erheblich erleichtert.
Damit belegt Estland 2024 unter den 38 OECD-Mitgliedstaaten zum elften Mal in Folge den ersten Platz. Dahinter folgen Lettland, Neuseeland, die Schweiz und Litauen. Kolumbien bleibt Schlusslicht; auch Italien, Portugal, Frankreich und Island befinden sich am unteren Ende des Index.
Die Hauptgründe für die niedrigen Platzierungen der Schlusslichter sind insbesondere entweder insgesamt hohe Körperschaftsteuersätze oder übermäßig komplexe Systeme mit zahlreichen Ausnahmen, Steuergutschriften sowie einer übermäßigen Besteuerung von Vermögen und Kapital.
Unternehmensbesteuerung
Bei der Bewertung der Unternehmensbesteuerung berücksichtigt der Index sowohl den nominalen Körperschaftsteuersatz als auch die Qualität der Mechanismen zur Kostenberücksichtigung, also wie schnell und vollständig Unternehmen Kapitalinvestitionen steuerlich absetzen können. Einbezogen werden außerdem besondere Vergünstigungen und die Komplexität des Systems – darunter Patentboxen, R&D-Anreize, Digitalsteuern, mehrere Steuerstufen, Zuschläge und Ähnliches.
Wo sind die Körperschaftsteuersätze in der OECD am höchsten?
Der durchschnittliche kombinierte Körperschaftsteuersatz in der OECD beträgt 23,9%. Am höchsten ist er in Kolumbien (35%), am niedrigsten in Ungarn (9%), gefolgt von Irland (12,5%) und Litauen (15%). Weitere Länder mit bemerkenswert hohen Steuersätzen sind Portugal (31,5%) sowie Australien, Costa Rica und Mexiko mit jeweils 30%.
Unternehmenssteuern werden häufig als einer der einflussreichsten Faktoren für das Investitionsniveau und das Wirtschaftswachstum genannt. Analysen der OECD zufolge hemmen Unternehmenssteuern die Entwicklung am stärksten, während Einkommensteuern natürlicher Personen einen moderaten negativen Effekt haben und Vermögensteuern das Wachstum am wenigsten beeinträchtigen.
Steuern für natürliche Personen
Bei der Bewertung der Einkommensteuer natürlicher Personen berücksichtigt der Index:
- Steuersätze auf Erwerbseinkommen
- Progression (einschließlich der Einkommensgrenze, ab der der Höchstsatz gilt)
- Das Verhältnis zwischen Grenzsteuersatz und durchschnittlichem Steuersatz
- Komplexität (Zuschläge, Sozialabgaben usw.)
- Besteuerung von Dividenden und Kapitalgewinnen, also das Ausmaß, in dem Unternehmensgewinne doppelt besteuert werden
Hohe Grenzsteuersätze führen tendenziell zu stärkeren Verzerrungen. Dem Bericht zufolge kann der effektive Grenzsteuersatz in Slowenien beispielsweise 67,5% erreichen, während er in Estland lediglich 21,6% beträgt. Ebenso wichtig sind die Einkommenshöhe, ab der der höchste Steuersatz gilt, und die Frage, ob die gesamte Steuerpolitik eine zusätzliche Beschäftigung fördert oder einschränkt.
Wie die Einkommenshöhe die Steuerbelastung beeinflusst
Die Mehrwertsteuer (VAT) zählt für viele Regierungen zu den stabilsten Einnahmequellen. Zu den wichtigsten Faktoren gehören der VAT-Satz, der in der OECD üblicherweise zwischen etwa 10% und 27% liegt, sowie die Breite der Bemessungsgrundlage, also der Anteil des Endverbrauchs, der besteuert wird. Je breiter die Bemessungsgrundlage, desto geringer sind die Verzerrungen. Neuseeland verfügt beispielsweise über eine der breitesten VAT-Bemessungsgrundlagen und einen relativ niedrigen Satz von 15%, wodurch es in dieser Kategorie sehr gut abschneidet. Italien erhebt dagegen einen VAT-Satz von 22%, verfügt jedoch über eine der schmalsten Bemessungsgrundlagen, was seine Bewertung verschlechtert.
Vermögensteuern und grenzüberschreitende Besteuerung
Diese Kategorie umfasst Steuern auf Vermögen – einschließlich der Art und Weise, wie die Bemessungsgrundlage der Immobiliensteuer bestimmt wird (Grund und Boden, Gebäude oder der vollständige Immobilienwert) – sowie Erbschaft-, Schenkung-, Vermögens- und Finanztransaktionssteuern.
Systeme, die ausschließlich Grund und Boden besteuern (wie in Estland) und keine zusätzlichen kapitalbezogenen Steuern erheben, sind tendenziell neutraler. In Ländern mit mehreren Abgaben auf Vermögen, etwa Italien und Kolumbien, ist die Gesamtbelastung der Vermögenswerte höher, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Steuersysteme sinkt.
Territorialprinzip: Der Schlüssel zu hoher Wettbewerbsfähigkeit
Auch die Praxis der grenzüberschreitenden Besteuerung wirkt sich auf die Wettbewerbsplatzierung eines Landes aus. Zu den wichtigsten Aspekten gehören der Ansatz zur Besteuerung ausländischer Einkünfte (weltweit oder territorial), die Quellensteuersätze auf Dividenden, Zinsen und Lizenzgebühren sowie der Umfang von Steuerabkommen und Vorschriften zur Verhinderung von Steuervermeidung. Länder mit einem territorialen Ansatz und vergleichsweise niedrigen oder bei null liegenden Quellensteuersätzen schneiden in der Regel besser ab. Zusätzliche Zuschläge und Anforderungen einer globalen Mindestbesteuerung können die Komplexität erhöhen. Auch die Einführung globaler Mindeststeuerregeln, einschließlich „inländischer“ Ergänzungssteuern, spielt bei der Platzierung eine Rolle.
Estland: Der unangefochtene Spitzenreiter
Estland belegt seit elf Jahren in Folge den ersten Platz im ITCI. Dafür sind vier zentrale Faktoren ausschlaggebend:
- Unternehmenssteuer auf ausgeschüttete Gewinne. Der nominale Steuersatz beträgt 22%, gilt jedoch nur für Dividenden. Reinvestierte Gewinne bleiben unversteuert, wodurch Unternehmen bei der Steuerung ihrer Kapitalinvestitionen mehr Flexibilität erhalten.
- Einheitlicher Einkommensteuersatz von 22%. Ein einheitlicher Steuersatz vereinfacht das Steuersystem und verringert Verzerrungen. Dividenden, die bereits auf Unternehmensebene besteuert wurden, unterliegen auf der Ebene natürlicher Personen nur einer minimalen oder keiner zusätzlichen Besteuerung.
- Die Immobiliensteuer gilt nur für Grund und Boden. Eigentümer zahlen keine Steuer auf die Gebäude selbst, wodurch eine Doppelbesteuerung vermieden und der Bau sowie die Verbesserung von Immobilien gefördert werden.
- Territoriales Steuersystem für ausländische Gewinne. Estnische Unternehmen zahlen auf im Ausland erzielte Einkünfte grundsätzlich keine inländische Steuer, sofern bestimmte grundlegende Voraussetzungen erfüllt sind. Dies vereinfacht die internationale Expansion.
Dank dieser Merkmale erzielt Estland hervorragende Ergebnisse bei der Unternehmensbesteuerung, der Einkommensteuer natürlicher Personen und der Vermögensteuer. Selbst während sich die internationalen Steuervorschriften weiterentwickeln – etwa durch die Einführung globaler Mindeststeuern – bleibt Estland einer der attraktivsten Standorte für Unternehmen und Investitionen.
Eesti Firma bietet Rechts- und Beratungsdienstleistungen für Unternehmen an, die in verschiedenen Märkten tätig sind, darunter auch im Bereich digitaler Vermögenswerte. Unter Berücksichtigung der individuellen Anforderungen jedes Kunden bietet Eesti Firma Beratung und Erläuterungen zu sämtlichen Fragen im Zusammenhang mit den Steuersystemen Estlands und Litauens sowie den aktuellen EU-Vorschriften.
Einfachheit und Transparenz: Der Schlüssel zum Erfolg im ITCI
Estland dient als Vorbild für Länder, die ihre Unternehmens- und Individualbesteuerung reformieren wollen. Lettland (2. Platz) hat bereits eine ähnliche „Steuer auf ausgeschüttete Gewinne“ eingeführt. Die Erfahrungen der bestplatzierten Länder wie Estland, Lettland, Neuseeland und der Schweiz zeigen, dass nicht nur niedrige nominale Steuersätze, sondern auch einfache und transparente Steuerstrukturen von entscheidender Bedeutung sind. Während sich die Volkswirtschaften von Krisen erholen und an globale Reformen anpassen, müssen die Länder ein Gleichgewicht zwischen dem Wettbewerb um Kapital, Talente und Unternehmertum und der Sicherstellung ausreichender öffentlicher Einnahmen finden.
Für Unternehmen und Investoren, die verschiedene Rechtsordnungen bewerten, bietet der ITCI wertvolle Einblicke in langfristige Kosten und regulatorische Risiken. In diesem Zusammenhang bleibt Estland als Investitionsstandort äußerst attraktiv, was vor allem auf sein unkonventionelles, aber sehr effektives Modell der Unternehmensbesteuerung zurückzuführen ist.